
Es gibt Menschen, die Bitcoin verstehen, weil sie Whitepapers lesen. Und es gibt Menschen, die Bitcoin verstehen, weil ihre Sparkasse ihnen verwehrt hat, 500 Euro nach Japan zu überweisen. Dennis Daiber gehört zur zweiten Gruppe, und er würde sagen, das sei die nachhaltigere Lernerfahrung.
Als gelernter Marketmaker an der Berliner Börse stieß er 2011 über einen ZDNet-Newsletter auf Bitcoin. Der erste Kaufversuch scheiterte daran, dass seine Bank die Überweisung zu Mt. Gox blockierte. Was für viele ein Grund gewesen wäre aufzugeben, war für Dennis der Moment, in dem sich alles erklärte.
„Meine Sparkasse hat mir innerhalb von zehn Minuten erklärt, wozu Bitcoin gut ist."
Von dort aus war der Weg konsequent: Meetups im Room 77 in Berlin, einem der ersten Orte der Welt, an dem man mit Bitcoin bezahlen konnte, ein Bitcoin-gegen-Gold-Handel, den er über eine WordPress-Seite drei Jahre lang betrieb, und schließlich 2018 der Einstieg als Head of Trading bei Bitwala.
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Bitwala war 2018 mit einem klaren Ziel gestartet: eine einfache Möglichkeit zu schaffen, Bitcoin zu kaufen, zu verwahren und zu bezahlen. Das Unternehmen hatte 250.000 Kunden, schrieb Revenue und hatte Pläne, die damals weit über das Naheliegende hinausgingen: Bitcoin-backed Loans, tokenisierte Wertpapiere, eine eigene Banklizenz.
Das Problem war struktureller Natur. Als Kunde der Solarisbank war Bitwala von einem Drittpartner abhängig, der eigenen regulatorischen Druck hatte und die ambitionierteren Produktideen nicht umsetzen wollte. Die logische Konsequenz war der Versuch einer eigenen BaFin-Lizenz, verbunden mit einem 25-Millionen-Euro-Eigenkapital-Requirement, das der Regulator für das erste Bitcoin-fokussierte Institut dieser Art festlegte.
„Das ist halt nicht ein Schluck aus der Pulle für ein Startup."
Dann kam 2022: Terra Luna kollabierte, FTX folgte, Celsius auch, und Bitwala war Exklusivpartner von Celsius in Deutschland. Gleichzeitig brach der Markt ein, Investoren zogen sich zurück, der Ukrainekrieg begann. Das Fundraising von 50 Millionen Euro scheiterte nicht am Produkt, sondern am Timing.
Nuri, wie Bitwala in dieser Phase hieß, ging in die Insolvenz. 40 Prozent der gesamten Kosten waren allein Compliance-Ausgaben. Bei 10 Millionen Euro Jahresumsatz und dem Dreifachen davon an Gehältern und regulatorischem Overhead war das Modell nicht tragfähig.
Was Dennis trotzdem zum Neustart bewog, war das Kundenfeedback beim Abwickeln von Nuri. Wer jeden Nutzer persönlich anruft, um ihn zu bitten, sein Geld abzuziehen, bekommt ein ehrliches Bild davon, ob das Produkt gebraucht wurde. Die Antwort war eindeutig.
„Bitte nicht" – das war die Reaktion der meisten Kunden.
Bitwala 3.0 ist der Gegenentwurf zum ersten Anlauf: kein Management-Overhead, keine angestrebte Banklizenz, drei bis sieben Mitarbeitende, Self-Custody als Grundprinzip, Bitcoin only. Keine Layer-2-Token, keine Altcoins, kein Kompromiss in Richtung Investoren, die ihre eigene Chain vorne haben wollten.
Die Kernkunden von Bitwala sind nicht zufällig dieselben Menschen, die GrapheneOS benutzen, Proton Mail nutzen und bei dem Gedanken, ihr Bitcoin auf einer Custodial-Plattform zu lagern, unruhig werden. Diese Zielgruppe zu kennen und konsequent für sie zu bauen, ist die Strategie.
Im Gespräch beschreibt Dennis, wie die Analyse des Kundenverhaltens von Bitwala zu einem klaren Signal geführt hat: 70 Prozent der Nutzer wollen ihre Bitcoin nicht verkaufen, würden aber gerne Liquidität daraus schöpfen. Exakt dieselbe Zahl findet sich in einer internen Befragung von Ledn, einem der größten Bitcoin-Lending-Anbieter weltweit.
Das Angebot, das Bitwala unter dem Namen „Boro" aufbaut, setzt auf 50 Prozent Loan-to-Value, offene Laufzeiten und sieben Prozent Jahreszins. Liquidation erst bei 90–95 Prozent LTV. Technisch geschieht das in Zusammenarbeit mit Starknet, einer Layer-2-Lösung, die Bitcoin-nahe ist und Zero-Knowledge-Proofs einsetzt.
„Das ist eben das Playbook der ein Prozent, das wir unseren Kunden zur Verfügung stellen."
Was als Produkt für Privatnutzer begann, hat eine zweite Dimension bekommen. Unternehmer aus dem Bitwala-Netzwerk fragten, ob sie auch das Bitcoin in ihrer Firmenbilanz beleihen könnten. Family Offices aus New York meldeten sich, die 200–300 BTC halten und Immobilien-Investments mit 20 Prozent Renditeerwartung finanzieren wollen, wenn ein Kredit für fünf bis sieben Prozent zu haben ist, rechnet sich das.
Den nächsten Schritt denkt Dennis noch weiter: AI-Agenten werden nach seiner These Bitcoin als bevorzugtes Wertaufbewahrungsmittel nutzen und brauchen dafür Kreditlinien. Eine Forbes-Studie, in der mehrere KI-Modelle gefragt wurden, welche Währung sie wählen würden, ergab 70-plus Prozent für Bitcoin bei Wertaufbewahrung.
„Unsere These ist, dass das quasi das Backbone der New Economy sein wird."
Bitwala plant deshalb eine Seed-Runde von 1,5 Millionen Euro, baut das Lending-Protokoll zunächst für eigene Kunden und will es danach als B2B-Infrastruktur öffnen. Ein Hackathon in Berlin im Juni 2025 ist der erste öffentliche Test für die These.
Dennis ist nüchtern, was den deutschen Markt angeht. Bitcoin ist im Mainstream sichtbar, Bloomberg-Ticker, Sparkassen-Angebote, Deutsche-Bank-Custody-Pläne, aber die politische Auseinandersetzung ist oberflächlich, und der europäische Markt hat keinen Zugang zu reinen Bitcoin-ETFs, weil europäisches Recht mindestens vier Assets in einem ETF verlangt.
„Null ist die schlechteste Allokation, die du haben kannst. Alles, was nicht Null ist, gut."
Was Bitwala 3.0 anstrebt, ist kein Milliarden-Business. Dennis sagt das selbst. Es ist eine konsequente Nische: Bitcoin-only, Self-Custody, einfache UX, Lending als Kernprodukt und langfristig B2B-Infrastruktur für Unternehmen und AI-Agenten, die Bitcoin als Collateral brauchen.
Der Markt für Bitcoin-besicherte Kredite lag Ende 2025 bei rund 73–75 Milliarden US-Dollar Allzeithoch. Europäische Angebote in diesem Segment sind dünn, meist custodial oder US-zentrisch. Ledn, der bekannteste Anbieter, hat sich aus Europa zurückgezogen. Der Platz ist frei.
„Wenn du deine Bitcoin nicht verkaufen musst, hast du zu wenig davon."
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Dennis Daibers Geschichte ist kein gradliniger Erfolgsweg. Sie ist eine Geschichte über frühe Überzeugung, regulatorische Realität, Scheitern aus externen Gründen und den Entschluss, es trotzdem noch einmal zu versuchen, mit weniger Overhead, mehr Fokus und einem Produkt, das es vor drei Jahren noch nicht gab. Bitcoin-backed Lending ist keine Spekulation. Es ist die logische Antwort auf eine Nutzergruppe, die Bitcoin langfristig halten will, aber trotzdem leben und investieren muss.
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