Ist Adam Back Satoshi Nakamoto? Was hinter der New York Times-Recherche wirklich steckt

Die New York Times hat vor kurzem die bisher umfangreichste Untersuchung zur Identität des Bitcoin-Erfinders veröffentlicht. 18 Monate Recherche, 134.000 analysierte Beiträge, drei KI-gestützte Schreibanalysen — und alle zeigen auf denselben Mann: Adam Back. Wir erklären euch, was wirklich dahintersteckt.

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Worum geht es überhaupt?

Am 8. April 2026 hat die New York Times einen 12.000 Wörter langen Investigativbericht veröffentlicht. Autor: John Carreyrou — der gleiche Journalist, der mit seiner Theranos-Enthüllung Elizabeth Holmes zu Fall gebracht hat und dafür den Pulitzer-Preis bekam. Sein neues Ziel: Das größte Rätsel der Krypto-Welt “lösen”.

Seine Antwort: Adam Back, 55 Jahre alt, britischer Kryptograph, Erfinder von Hashcash und CEO von Blockstream, sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Satoshi Nakamoto.

Back selbst bestreitet das — und zwar vehement.

Wer ist Adam Back eigentlich?

Bevor wir in die Beweislage eintauchen, müssen wir verstehen, wer Adam Back ist — denn ohne ihn gäbe es Bitcoin in seiner heutigen Form nicht.

Back ist seit Anfang der 1990er-Jahre in der Kryptographie-Szene aktiv. Er war Teil der sogenannten Cypherpunks — einer Gruppe von Aktivisten und Entwicklern, die Verschlüsselungstechnologie als Werkzeug für persönliche Freiheit sahen.

1997 erfand er Hashcash — ein Proof-of-Work-System, das ursprünglich dazu diente, Spam-E-Mails zu bekämpfen. Genau dieses System wurde später zum Herzstück von Bitcoins Mining-Mechanismus. Satoshi zitiert Hashcash ausdrücklich im Bitcoin-Whitepaper.

Heute leitet Back die Firma Blockstream, die Infrastruktur für Blockchain-Zahlungssysteme entwickelt. Außerdem ist er CEO der Bitcoin Standard Treasury Company (BSTR), die über 30.000 BTC hält und gerade über eine Fusion mit einem Cantor-Fitzgerald-SPAC an die Börse gehen will.

Wie ist Carreyrou überhaupt auf Adam Back gekommen?

Der Anstoß kam von der HBO-Dokumentation „Money Electric: The Bitcoin Mystery" aus dem Jahr 2024. In dem Film wird Back auf einer Parkbank in Riga (Lettland) mit der Satoshi-Frage konfrontiert. Seine Reaktion fiel Carreyrou sofort auf.

Der Journalist beschreibt es so: Backs Augen seien unruhig gewesen, er habe nervös gelacht, seine linke Hand habe sich ruckartig bewegt. Carreyrou, der nach eigener Aussage über Jahre hinweg ein Gespür für die Körpersprache von Lügnern entwickelt hat, hat die Szene mehrfach zurückgespult — und beschlossen, der Sache nachzugehen.

Die Beweislage: Was hat die NYT gefunden?

Die Untersuchung ruht auf mehreren Säulen. Hier die wichtigsten:

1. KI-gestützte Schreibstilanalyse (Stylometrie)

Carreyrou hat gemeinsam mit Dylan Freedman, dem KI-Projektredakteur der NYT, eine Datenbank mit 134.308 Beiträgen aus drei Kryptographie-Mailinglisten der Jahre 1992 bis 2008 aufgebaut. Aus 34.000 Nutzern filterten sie 620 Personen heraus, die sich nachweislich mit digitalem Geld beschäftigt hatten.

Dann verglichen sie den Schreibstil dieser 620 Kandidaten mit allen bekannten Texten von Satoshi Nakamoto — mithilfe von drei verschiedenen Analysemethoden. Das Ergebnis: In allen drei Analysen war Adam Back der engste stilistische Treffer.

2. Die Sache mit den Bindestrichen

Ein besonders auffälliges Detail: Satoshi Nakamoto machte in seinen Texten 325 ungewöhnliche Bindestrich-Fehler. Er setzte z.B. bei zusammengesetzten Hauptwörtern Bindestriche (wie „double-spending"), ließ sie bei zusammengesetzten Adjektiven aber weg (wie „full blown" statt „full-blown").

Adam Back zeigte exakt dasselbe Muster. Von den 325 identifizierten Bindestrich-Fehlern stimmten 67 exakt überein — der nächstbeste Kandidat kam nur auf 38.

3. Weitere sprachliche Übereinstimmungen

Die Untersuchung fand eine ganze Reihe weiterer stilistischer Eigenheiten, die sowohl Satoshi als auch Back teilten:

  • Doppelte Leerzeichen nach Satzzeichen (ein Relikt aus der Schreibmaschinenära)
  • Britische Schreibweisen (z.B. „colour" statt „color")
  • Verwechslung von „it's" und „its"
  • Satoshi endete auffällig oft Sätze mit dem Wort „also" — genau wie Back
  • Beide wechselten inkonsequent zwischen „e-mail" und „email"
  • Beide verwendeten seltene Fachbegriffe wie „partial pre-image" und „burning the money", die bei keinem anderen Kandidaten vorkamen

4. Die verdächtige Online-Stille

Über ein Jahrzehnt war Adam Back einer der aktivsten Teilnehmer in Kryptographie-Foren, wenn es um elektronisches Geld ging. Doch als Satoshi Ende 2008 Bitcoin ankündigte und in den Foren aktiv wurde, verstummte Back komplett.

Sein erstes öffentliches Wort über Bitcoin? Das kam erst im Juni 2011 — also ziemlich genau sechs Wochen nachdem Satoshis letzte bekannte Nachricht vom 26. April 2011 datiert.

Für Carreyrou ist das kein Zufall.

5. Die E-Mails von 2008

Aus dem Craig-Wright-Prozess in London sind E-Mails bekannt, in denen Satoshi im August 2008 — also Monate vor Veröffentlichung des Whitepapers — Adam Back anschrieb. „You would find it interesting", schrieb Satoshi und bat Back, die Zitierung von Hashcash zu prüfen.

Back präsentiert diese E-Mails als Beweis, dass er und Satoshi verschiedene Personen sind. Carreyrou hingegen vermutet: Back könnte diese E-Mails an sich selbst geschrieben haben, um ein Alibi zu schaffen. Einen Beweis dafür hat er allerdings nicht.

6. Backs technische Vorarbeiten

In Mailinglisten-Beiträgen von 1997 hatte Back bereits Ideen skizziert, die dem späteren Bitcoin erstaunlich ähneln: ein datenschutzfreundliches elektronisches Geldsystem auf Basis eines dezentralen Netzwerks mit eingebauter Knappheit. Er schlug sogar vor, sein eigenes Hashcash-System mit Wei Dais b-money-Konzept zu kombinieren — und genau das hat Satoshi dann zehn Jahre später umgesetzt.

7. Der „Versprecher" in El Salvador

Im Januar 2026 traf Carreyrou Back persönlich auf einer Bitcoin-Konferenz in El Salvador. In einem zweistündigen Gespräch bestritt Back sechs Mal, Satoshi zu sein.

Doch ein Moment blieb hängen: Als Carreyrou ein Satoshi-Zitat erwähnte — „I'm better with code than with words" — antwortete Back: „I did a lot of talking though for somebody, I mean…" — als hätte er kurz als Satoshi über sich selbst gesprochen.

Back selbst nennt es einen normalen Gesprächsfehler. Carreyrou sieht es als unbewussten Ausrutscher.

Was sagt Adam Back dazu?

Back hat sofort nach Veröffentlichung des Artikels auf X reagiert: „I'm not satoshi", schrieb er und erklärte, seine jahrzehntelange Arbeit an Kryptographie, Online-Privatsphäre und digitalem Geld erkläre alle Parallelen.

Sein Hauptargument: Confirmation Bias. Wenn ein Algorithmus nach Schreibstil-Ähnlichkeiten sucht und dabei nur Personen berücksichtigt, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass derjenige gewinnt, der am meisten geschrieben hat — und das war nun mal er.

Blockstream veröffentlichte zudem ein offizielles Statement: Die NYT-Geschichte basiere auf „Umstandsinterpretationen ausgewählter Details und Spekulationen, nicht auf kryptographischen Beweisen."

Was sagt die Krypto-Community?

Die Reaktion ist gespalten, tendiert aber eher zur Skepsis:

  • Robert Graham (Cybersecurity-Forscher) untersuchte den tatsächlichen Quellcode und stellte fest, dass sich der Code von Adam Back und der von Satoshi Nakamoto stilistisch kaum ähneln.
  • Jameson Lopp (Casa-Mitgründer) argumentierte, dass man Satoshi nicht mit Stilanalysen fangen könne und warf der NYT vor, Back einer physischen Gefahr auszusetzen.
  • Michael Saylor betonte, dass nur kryptographischer Beweis — also eine Signierung mit Satoshis bekannten Schlüsseln — zähle.
  • Joe Weisenthal (Bloomberg) fand die Stilometrie zwar interessant, aber nicht überzeugend genug.
  • Alex Thorn (Galaxy Digital) nannte den NYT-Bericht schlicht „garbage".

Wichtiger Kontext: Als die HBO-Doku 2024 den Entwickler Peter Todd als Satoshi benannte, musste dieser untertauchen, weil er ernsthafte Bedrohungen erhielt — wegen der ca. 1,1 Millionen BTC (aktuell rund 80 Milliarden Dollar), die Satoshi zugeschrieben werden.

Was bedeutet das alles — und warum ist es wichtig?

Auch wenn die NYT-Recherche beeindruckend gründlich ist, bleibt sie letztlich Indizien-basiert. Es gibt keinen „Smoking Gun" — keinen kryptographischen Beweis, keine bewegte Bitcoin aus den Satoshi-Wallets, keine unwiderlegbare Verbindung.

Selbst der Linguist Florian Cafiero, der die Stilometrie-Analyse für die NYT durchgeführt hat, bezeichnete seine eigenen Ergebnisse als nicht schlüssig — Hal Finney lag fast gleichauf mit Back.

Trotzdem hat die Recherche Gewicht, weil sie mehrere unabhängige Puzzlestücke zusammenfügt:

  • Schreibstil-Übereinstimmungen in drei verschiedenen Analysen
  • Inhaltliche Vorarbeiten, die Bitcoin vorwegnehmen
  • Das verdächtige Timing von Backs Online-Aktivität
  • Die persönliche Konfrontation in El Salvador

Was am Ende bleibt: Solange niemand mit Satoshis kryptographischen Schlüsseln signiert, bleibt jede Identifizierung eine — wenn auch faszinierende — Theorie.

Und vielleicht ist das auch gut so. Wie Adam Back selbst sagt: Bitcoins Stärke liegt gerade darin, dass es keinen identifizierbaren Gründer gibt. Es soll wie eine Entdeckung wirken, nicht wie ein Startup mit CEO.

TL;DR

  • Die NYT hat eine 18-monatige Untersuchung veröffentlicht, die Adam Back als wahrscheinlichsten Satoshi-Kandidaten benennt.
  • Die Beweislage stützt sich auf KI-Schreibstilanalysen, Bindestrich-Muster, Online-Aktivitätslücken und persönliche Konfrontationen.
  • Adam Back bestreitet alles und verweist auf Confirmation Bias.
  • Die Krypto-Community ist überwiegend skeptisch.
  • Ohne kryptographischen Beweis bleibt es eine Theorie — wenn auch die bisher am besten recherchierte.

Dieser Artikel basiert auf der Recherche der New York Times (John Carreyrou, veröffentlicht am 8. April 2026) sowie Reaktionen aus der Krypto-Community.

Eric Heinemann ist Gründer von Crypto Nerds, einem der führenden deutschsprachigen Krypto-Education-Formate.
Seit 2018 erklärt er komplexe Themen wie Bitcoin, DeFi und Blockchain verständlich und praxisnah – über Podcasts, Kurse und Events in ganz Europa.
Eric Heinemann,
Gründer von Crypto Nerds
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